Wild ?

Wo sind sie, die Männer, die mit uns spontan ans Meer flüchten? Weil das Wetter hier so gruselig ist oder weil wir so schöne Augen haben. Oder beides.

Früher, als nichts besser war aber gerne so dargestellt wird, sagte einer von uns zwischen zwei Küssen:
– Wir könnten ans Meer fahren.
Der andere nahm entschieden die Jacke von der Garderobe, oder zog die Sneakers an, und erwiderte:
– Lass uns fahren!

Man fuhr auf die Autobahn, tankte voll, sofern das Geld reichte. Kaufte sich Zigaretten und eine Flasche Wein, oder zwei. Dann fuhr man nach Süden, die Musik voll aufgedreht. Der Fahrer war damit beschäftig, durch den dicken Rauch die Fahrspur zu sehen. Meine Aufgabe war es, die Musikkassette zu wenden, wenn sie aus dem Gerät sprang. 647f5cbe09ae0a2dfc369351154f4c37
(Für die vielen jungen Leser hier: Kassette ist das da.)
In vier Stunden war man in Genua, in sechs an der Cote d’azur: Angekommen warfen wir die Schuhe in den Sand, uns selbst ins Wasser. Oder hüllten uns in Decken ein und warteten auf den Sonnenaufgang. Je nachdem. Wir schliefen im Auto, verloren uns in der Liebe zum anderen, tranken vom mitgebrachten Wein, rauchten zuviel und erzeugten Pläne, die wir nie verwirklichen würden.

Hätte man uns damals gesagt, dass wir mal Kinder haben würden, Jobs und eine Katze, hätten wir gelacht: Wir nicht. Wir waren Sternenflieger. Geboren um die Welt zu erkunden, nicht erobern, davon waren wir weit entfernt in unseren Blümchengedanken. Entdecken. Verbessern. Die Welt zu einem besseren Ort machen, Frieden verbreiten. Sonnenblumenfelder im Herzen gegen den Krieg und die Macht der Regierungen. Wir glaubten an die Möglichkeiten, die wir hatten. Wir sahen die Welt als eine Leihgabe, die wir von einer großen Göttin bekommen haben, um sie zu einem lebenswerten Planeten zu bereiten. Wir glaubten an die Liebe, die wir großzügig verteilten.
Alles war möglich.

Wir standen vor dem unendlichen Wasser, schauten den Wellen zu, wie sie sich an den Strand warfen. Die Möwen zogen über uns Kreise. Der Horizont war unaufhörlich wie unsere Liebe, von der wir damals glaubten, dass sie endlos war.
(Endlos bedeutete 13 Jahre. Schlussendlich.)
Unsere Haut war mit dem weichen Fell eines Welpen überzogen, die dicke Schicht würde erst noch wachsen. Wir würden das dicke Fell brauchen, das uns von der Härte des Lebens fernhalten würde. Später. Wenn unsere Blümchenwiese mit dem Traktor der Realität zerpflügt wurde.

Irgendwann fuhren wir wieder nach Norden. Müde aber glücklich.

Ich weiß nicht mehr, wann keiner von uns mehr fragte, ob wir mal eben ans Meer fahren wollen. Oder wann wir aufhörten daran zu glauben, dass die Welt eine grundsätzlich Gute ist. Eine, die nur auf Menschen wartet, deren Essenz die Liebe ist. Statt der Neid oder der Wunsch nach noch mehr materiellen Gütern.

Fazit:
Lass uns fahren.

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